RAT DER RELIGIONEN - FRANKFURT
Montag, 06. April 2009
Pressekonferenz zur Gründung des Rates am 1. April 2009

Stellungnahme des Vorsitzenden des Rates der Religionen – Frankfurt
Pfr. Athenagoras Ziliaskopoulos

Am Anfang steht mein Dank: Ich danke den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Frankfurt für Ihr Vertrauen, mich in den Rat der Religionen zu entsenden. Und ich danke meinen Schwestern und Brüdern im Rat für die große Ehre und das Vertrauen, mich zu Ihrem ersten Vorsitzenden zu wählen. Ich danke meinem Stellvertreter und meinen übrigen Kollegen im Vorstand für die Zusammenarbeit und ihre Unterstützung. Namens des Rates danke ich der Evangelischen Kirche für die Bereitschaft, uns eine Geschäftstelle zu ermöglichen und Frau Pfarrerin Ilona Klemens für die Arbeit, die an dieser Stelle - zusätzlich zu allen übrigen Pflichten - auf sie zukommen wird.

Die Gründung dieses Rates der Religionen wäre nicht möglich gewesen ohne die unermüdliche Arbeit einiger Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, die als «Initativkreis» fünf Jahre lang für diese Idee geworben haben. Ihnen schulden wir alle großen Dank, auch für die schwere Arbeit eines Satzungsentwurfes. Es hat seinen Sinn, dass ihre Namen heute als Anhang zur Mitgliederliste vermerkt sind. Unser aller Dank gilt nicht zuletzt Frau Stadträtin Eskandari-Grünberg, die sich seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Sommer das Zustandekommen dieses Rates in besonderer Weise vorangebracht hat. Ohne den Initiativkreis gäbe es diesen Rat gar nicht, ohne Sie, Frau Stadträtin, gäbe es ihn gewiss nicht heute.

„Es kann keinen Frieden in der Welt geben, wenn es keinen Frieden unter den Religionen gibt. Und es kann keinen Frieden unter den Religionen geben, wenn es keinen Dialog unter ihnen gibt.“ Diese vielfach zitierten Worte von Hans Küng sind Ausgangspunkt und Sinn des interreligiösen Dialogs und machen die Gründung eines Rats der Religionen in einer Stadt wie Frankfurt notwendig. Es ist Zeit, dass der interreligiöse Dialog die engen Räume der akademischen Säle verlässt und sich der breiten Gesellschaft widmet. Es wird von allen Religionen angenommen, unabhängig davon wie jeder von uns seinen religiösen Alltag gestaltet, dass Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Toleranz, Liebe, Vergebung und Respekt des „Anderen“ den Heiligen Schriften und Bücher entspringen, gemeinsame Werte bilden und verbindlich sind.

Wir sind fest davon überzeugt, dass der Dialog der Religionen wesentlich zur Vorbeugung und Lösung ernsthafter gesellschaftlicher Probleme beitragen und der Gestaltung eines harmonischen Miteinanderlebens dienen kann. Nur wenn wir den Willen haben uns gegenseitig kennenzulernen und unsere Gemeinsamkeiten aufsuchen, können wir den Weg des friedlichen Miteinanderlebens ebnen und unseren Mitmenschen dazu verhelfen, die Güte, Barmherzigkeit und Menschenliebe Gottes zu entdecken und zu spüren. Ein wichtiges Beispiel für die Gemeinsamkeiten in den Religionen ist das Prinzip der Goldenen Regel. Alle Kulturen und Religionen kennen dieses Prinzip der Gegenseitigkeit. In Form eines deutschen Sprichworts formuliert lautet es: „Wasdu nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu.“

Die Rolle von Religionen in der heutigen Welt erfordert einerseits die Überwindung jeglicher Formen des religiösen Fanatismus und der Intoleranz, die ihrem geistigen Auftrag fremd sind und viel Elend in der Geschichte der Menschheit bewirkt haben. Andererseits brauchen wir den Beitrag der Religionen zur Unterstützung von Frieden, sozialer Gerechtigkeit und der Menschenrechte. Diese Werte, die in der Lehre aller Religionen im kleinen oder großen Ausmaß gefordert werden, bilden eine allgemeine Basis für einen konstruktiven Dialog auch mit politischen Partnern, was die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern betrifft. Der Rat der Religionen soll aber nicht bei Allgemeinheiten über den Wert des Friedens stehen bleiben, sondern bewusst in Wort und Tat für die Überwindung jeder Form von Gewalt, Rassismus, Terror und Diskriminierung kämpfen, den Abbau von Vorurteilen und Vorbehalten fördern, sich für das aktive, integrative, friedliche, gleichberechtigte Miteinander aller Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt einsetzen und für Toleranz und Akzeptanz plädieren. Er soll für das
religiöse „Anderssein“ in der multikulturellen Gesellschaft und besonders in der Bildung sensibilisieren. Es ist notwendig, dass wir den „Anderen“ nicht nur akzeptieren, sondern uns ernsthaft um ihn kümmern, ihn kennenlernen, ihn als wichtigen, nicht mehr wegzudenkenden Teil des Ganzen sehen. „Anderssein und Andersglauben“ ist vielmehr Bereicherung und Befestigung im Glauben.

Der Rat der Religionen möchte keine anderen Initiativen des Interreligiösen Dialogs oder der Ökumenischen Zusammenarbeit ersetzen, sondern diese ergänzen und unterstützen (und ihnen evtl. einen neuen lebendigen Rahmen des Dialogs anbieten). Die Einladung zum Dialog und zur Zusammenarbeit beabsichtigt außerdem nicht die Gründung einer globalen Religion, schätzt die Einzigartigkeit eines jeden Glaubens hoch und trifft keine die einzelnen Kirchen oder Religionsgemeinschaften bindenden Beschlüsse. Der Rat möchte auch kein Gremium gegen nicht-religiöse Menschen sein, wird aber zugleich auch für gemeinsame Interessen eintreten, wenn es beispielsweise um den Bau von repräsentativen religiösen Gebäuden geht: aktuell Moscheebau, Kirchenbauten oder Tempel. Wir sind ein eigenständiges Gremium und sehen unsere Funktion als beratendes Gegenüber und Partner der Stadt Frankfurt, mit unserem Wissen, unserer Kompetenz und Erfahrung. Uns allen wird immer mehr bewusst, dass die Probleme die uns in unserer Gesellschaft beschäftigen, nicht allein von einer religiösen Tradition gelöst werden können. Die meisten Probleme sind z.B. nicht „christliche“ Probleme die eine christliche Antwort brauchen, sondern vielmehr menschliche Probleme, die die Zusammenarbeit vieler Traditionen benötigen. Zudem erkennen wir, dass immer mehr junge Menschen eine Spiritualität suchen, die nicht sektiererisch wirkt, sondern allgemein. Eine Spiritualität, die die Herzen für die „Anderen“ öffnet und aus den „Anderen“ keine Feinde macht. In anderen Worten, wir wünschen uns eine Frankfurter Gesellschaft in der alle Religionsgemeinschaften dem allgemeinen Wohlergehen dienen. Eine Frankfurter Gesellschaft, in der die Religionen nicht einen Faktor der Trennung und Entfremdung voneinander darstellen, sondern eine Quelle des friedlichen Zusammenlebens und Brücke der produktiven Verständigung. Eine Frankfurter Gesellschaft, in der die Religionen, trotz ihrer Unterschiede und Vielfältigkeit, bei der Gestaltung einer „menschlichen“ Gesellschaft kooperieren, die endlich in Frieden und Harmonie leben kann. Das ist das Ziel des Rats der Religionen in Frankfurt, und das ist für uns nicht nur eine Wahl sondern wir erkennen darineine lebhafte Notwendigkeit.